Lucia
 

 

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Früher Borzi, jetzt Lucia !!

 

Ihr da draussen könnt mich bestimmt viel besser sehen, als ich Euch. Mit meinem Augenlicht ist es leider nicht weit her, ein Auge ist ganz kaputt, das andere Auge sieht nur noch graue Wolken und ein paar Umrisse. Aber ich kann mir die ganze Welt vorstellen, richtig bunt und vielfältig. Schlimm ist es für mich nur, wenn ich allein bin, wenn mir niemand durch diese Welt hilft.

Die Menschen, bei denen ich einmal war, wollten mich wohl nicht mehr haben. Und so haben sie mich und meinen Kumpel, mit dem ich immer zusammen war, irgendwo abgestellt, wie eine alte Aktentasche, die keiner mehr haben will, und sind einfach fortgegangen. Bevor wir von den Autos überfahren werden konnten, kamen wir in ein Tierheim. Mein Kumpel fand eine neue Menschenfamilie, jedoch ich war ganz allein. Ich war krank und traurig. Aber nach einigem Hin und Her nahm man mich auf eine ganz lange Reise mit, und am Ende dieser Reise gelangte ich zu den Hundesenioren. Früher hieß ich Borzi, mein neuer Name ist Lucia.

Nun werde ich Bestandteil der Rentnerband: Da ist Max, der kleine Chef; Lisa, die Clevere - mal Häslein, mal Zicklein; Frici, die liebenswerte Zeitlupenmaschine, und schließlich Robbie, der charmante Knuffelbär. Ich muß erst richtig gesund werden, um ermessen zu können, wie ich mich in diesen bunten Haufen einreihen werde. Aber die neuen Kumpels und ihre Menschen werden schon noch merken, daß mir der Schalk ziemlich locker im Nacken sitzt...

Die alten Geschichten sind schon so weit weg, ich kann - und ich will - mich kaum noch daran erinnern. Jetzt muß ich mich erst einmal richtig erholen, und dann wird diese neue Geschichte hier weitererzählt werden können. Und ich bin davon überzeugt: Das wird eine lustige und lebhafte Geschichte werden !! Bis bald.

 

 

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 Die Zeit läuft ab...

 

28.10.2008
Lucia kam am 25. November 2007 in die Gemeinschaft der Hundesenioren. Eigentlich sollte sie bereits am Anfang jenes Monats zu uns kommen, aber ein hartnäckiger, heftiger und etwas rätselhafter Husten verzögerte ihre Ausreise aus Ungarn.

Die Ärztechecks ergaben die bei allen neuankommenden Hundesenioren fast schon obligatorischen Herzprobleme, außerdem Spuren einer relativ frischen Saugleistentumor-Operation, Reste einer wohl kaum behandelten verschleppten Lungenentzündung, und einer daraus resultierenden chronischen Bronchitis. Eines ihrer Augen war total hinüber, wies einen anfangs gefährlich hohen Innendruck auf, das andere Auge verfügte nur noch über sehr geringe Sehkraft.

Vom ersten Tag bei uns an erwies Lucia sich als menschen- und tierfreundlicher Sonnenschein, erfüllt von einer unerschütterlichen Heiterkeit und beseelt von einer zurückhaltenden, jedoch immer präsenten und spürbaren Lebenslust. Sie fügte sich sofort in die Harmonie der Rentnerband ein, verursachte nie Konflikte, wirkte vielmehr als ausgleichendes Element, ließ sich jedoch nie unterbuttern, verteidigte ihre Interessen gern mit hohem, quietschendem, schwanzwedelndem Bellen. Sie schloß sich unserem Max an, er war ihr "Leuchtturm", bis zu seinem Tode.


Besonders nachdem sie getrunken hatte, musste sie immer mehr oder weniger heftige Hustenanfälle erdulden. Der mit dem Trinken einhergehende Kältereiz sei dafür verantwortlich, wurde mir erklärt. An körperwarmes Wasser ging sie jedoch nicht heran - auch ihre unerschütterliche Freundlichkeit änderte nichts an ihrer Willensstärke. Alle Therapien schlugen fehl, so wurden Trinken und darauffolgendes Husten ihre ständigen Wegbegleiter. Es war ärztliches Fazit, daß an der Existenz der chronischen Bronchitis nichts zu ändern sei, und man konnte mit bronchienerweiternden Substanzen nur begleiten, jedoch nicht heilen.

Man gewöhnte sich, man arrangierte sich. Alle Hundesenioren schleppen irgendwelche Probleme und Handicaps als Resultate eines meist nicht sehr angenehmen Vorlebens mit sich herum. Lucias Husten begann jedoch im Verlaufe des Septembers langsam zu eskalieren. Therapien schlugen kaum an. Kortisongaben konnten den Husten nur kurzzeitig lindern. Es wurden in zyklischen Abständen mehrere Röntgen-Aufnahmen im Thoraxbereich angefertigt, es konnte nie die Gefahr von Methastasenbildungen infolge ihrer letztjährigen Saugleistentumore ausgeschlossen werden.

Eine der mir bekannten Komponenten ihrer chronischen Bronchitis war eine schleichende Verhärtung und Deflexibilisierung ihrer Luftröhre. Diese Verhärtung war auf den Röntgenbildern auch gut zu erkennen: Dadurch zeichnete sich die Luftröhre auf den Bildern mit erhöhter Deutlichkeit ab. Vor etwa zwei Wochen wies das Röntgenbild an einer Stelle der Luftröhre eine deutlich erkennbare Einengung auf. Zu dieser Zeit kämpfte sie bereits mit starken Hustenanfällen, besonders nachts.

Die gestrige Röntgenaufnahme zeigte gnadenlos auf, daß sich diese Einengung mittlerweile über fast die gesamte Länge der Luftröhre erstreckt. Die Antwort des Arztes auf meine vorsichtige Frage nach der ärztlichen Prognose lässt keinen Raum für objektiven Optimismus: Er gibt Lucia nicht mehr Wochen, sondern höchstens nur noch Tage.

Der schwere Husten geht natürlich mit Luftnot und Sauerstoffmangel daher. Ich vermeine, bei Lucia seit etwa zehn Tagen eine starke Verminderung ihrer sowieso kaum mehr vorhandenen Sehkraft zu beobachten. Manchmal scheint sie Phasen einer gewissen Orientierungsschwäche zu durchleben. Sie erinnert in mancherlei Hinsicht an die letzte Lebensphase unserer fast zwanzigjährigen Super-Oma Nadia. Im Verlauf der letzten Woche war der Husten wirklich schlimm...

Seit etwa dreißig Jahren lebte und lebe ich mit schwer asthmakranken Menschen zusammen, diese Erfahrungen helfen mir beim Umgang mit der armen Lucia. Geduld und eine gewisse Unerschütterlichkeit bildeten sich im Laufe der Jahre bei mir; es hilft mir, Ruhe und Übersicht zu bewahren und auf Lucia einwirken zu lassen, bestimmte Entspannungstaktiken aus der "menschlichen Praxis" lassen sich gut auf Lucia übertragen und erzielen auch oftmals eine lindernde Wirkung. Und sie ist eine so liebe und duldsame Oma, ihre Freundlichkeit ist unerschütterlich.

Die Zeit der langanhaltenden und fürchterlichen Hustenanfälle scheint seit einigen Tagen vorbei zu sein. Wenn sie hustet, ist dies weniger heftig, jedoch scheint das Atmen immer öfter durch ein gewisses Ringen nach Luftholen abgelöst zu werden - oder Mensch ist in immer höherem Maße sensibilisiert, jedes Geräusch seitens Lucia wird bangen Herzens vernommen und vermehrt überinterpretiert...wer weiß.

Die düstere Prognose des Arztes hängt nun wie ein Damoklesschwert über uns.

31.10.2008
Bereits am vergangenen Dienstag berichtete ich, daß die Zeit der fürchterlichen und langanhaltenden Hustenanfälle vorbei schiene - tatsächlich hat sich der Husten weiterhin ganz allmählich gelindert. Lucia schläft mehr, als man früher von ihr gewohnt war. In den letzten Tagen wurde ihr Schlaf ruhiger und tiefer, etwa alle zwei Stunden erwacht sie nach Husten und Luftmangel aus diesem Schlaf. Bisolvon und Atussin schlagen positiv bei ihr an. Sie trinkt vermehrt, was leider auch den Hustenreiz fördert und vermehrt. Sie hat immer noch einen gesunden Appetit, und ihre gute Laune ist sowieso unerschütterlich. Die Einschränkungen ihrer Lebensqualität merkt man ihrem Verhalten überhaupt nicht an. Wenn wir von unseren Touren heimkommen, und die Auffahrt zur Garage entlangfahren, begrüßt sie die "Heimat" wie gewohnt mit hellem Bellen. Etwa einstündige Rundgänge durch ihr Revier kann sie immer noch bewältigen. Ihre Sehkraft hat sich wirklich auf "fast Null" reduziert, ihre normalen Orientierungsfähigkeiten in bekanntem Gelände werden jetzt manchmal durch Phasen der Desorientierung unterbrochen. In solchen Momenten will sie dann geradezu dickköpfig in einer falschen Richtung weiter, auch wenn da eine Mauer steht...
Wenn ich mit den anderen Hundesenioren lautstark durch die Botanik (oder auch durch die Wohnung) tobe, kann und will Lucia dabei nicht mithalten - dies konnte sie wegen ihres eingeschränkten Sehvermögens auch früher nicht - , sie möchte jedoch unbedingt immer "dabeisein" und sich durch lautstarkes, helles Bellen am "Chaos" beteiligen. Daran können auch Hustenanfälle und Luftnot nichts ändern, auch ihr Sonnenscheingemüt bleibt unerschütterlich.

Lucia steht mit ihren kleinen Beinchen noch zu fest und zu gern in diesem Leben. Als Gewohnheitspessimist möchte ich nicht von einer zumindest subjektiven Verbesserung ihres Allgemeinzustands schreiben - aber es ist ganz sicher auch keine Verschlimmerung eingetreten. Im Vergleich zur letzten Woche ist ihr Leben wieder entscheidend ruhiger geworden.

Das Damoklesschwert der ärztlichen Prognose und der Bilderfolge der Röntgenaufnahmen schwebt weiter über uns. Setzt man den bereits erfolgten Veränderungsprozess der Luftröhre von Lucia gedanklich weiter fort, kann das Ergebnis nur bedeuten, daß die Lebensfähigkeit in allernächster Zeit dahin ist. Nach unseren Erfahrungen mit Nadia stellte ich mir am Wochenanfang bereits die Frage, ob der degenerative Veränderungs-Prozess der Luftröhre von Lucia denn nicht vielleicht abstoppen oder sich abbremsen könnte - vielleicht eine irrwitzige Hoffnung... Aber ich weiß ja aus Erfahrung, daß es außerhalb der medizinischen Kunst eben noch eine andere, unergründliche Weisheit gibt…

So versuche ich im Laufe dieser durchwachten Nächte, alle Traurigkeit und Angst beiseite zu räumen, und mich an der scheinbaren Verbesserung des Befindens von Lucia zu erfreuen. Mein kleines Ungarn-Mädchen wandelt mit erstaunlich sicheren Beinchen auf diesem schmalen Grat, und sie scheint die Richtung des Lebens bei uns noch nicht verlassen zu wollen. Und mir bleibt neben den versorgenden und bewachenden Routinen nur, ihr soviel wie möglich von der Liebe zurück zu geben, die sie uns fortwährend schenkt. So wird das derzeitige Dasein weiterhin bestimmt durch Harren und Hoffen...

01.11.2008
Lucia hält sich weiterhin sehr tapfer. Wegen verschiedener Termine, zu denen die Hundesenioren mit uns kamen (ich kann Lucia zur Zeit nicht zuhause lassen), war der Tag leider ziemlich unruhig und stressig. Lucia scheint vermehrt zu husten, auch der Atem ist abseits von Hustenerscheinungen unruhiger als am gestrigen Tag. Abends und und im Verlauf der ersten Nachthälfte sind ihre Schlafphasen weniger tief und ruhig als in der Nacht zuvor gewesen. Aber - wie schon geschrieben - sie hält sich sehr tapfer.

Ich fürchte mich etwas vor dem Wochenende. Schlimme Dinge passieren bei uns immer an Feiertagen oder an Wochenenden...

06.11.2008
Das vergangene Wochenende haben wir glücklich hinter uns gebracht. Einen nennenswerten Wandel ihrer Befindlichkeit konnte ich bis zum Wochenanfang bei Lucia nicht bemerken. Das Atmen scheint für sie manchmal etwas mühevoll, ihre Freundlichkeit und ihr immer noch spürbarer Optimismus überspielen jedoch alle kleinen und großen Krisen. Lucia hat die seltene Gabe, sich auch mitten während eines für alle Außenstehenden quälenden Hustenanfalls sichtbar und fühlbar freuen zu können...


Samstag

Der nüchtern betrachtet ständige Sauerstoffmangel hat bei Lucia tiefe Spuren hinterlassen. Die von uns immer so gehegte und gepflegte kleine Rest-Sehkraft ihres rechten Auges ist endgültig erloschen. Die früher in ihrem kleinen Kopf angelegten "Landkarten" unseres Hauses, des Grundstücks und der ihr bekannten Umgebungen sind augenscheinlich durcheinander gekommen, oder sind für sie nicht mehr lesbar. Aus der früher fast traumwandlerischen Sicherheit, mit der sie sich mittels ihres "körpereigenen Navigationssystems" bei uns immer bewegte, ist im Laufe der letzten Tage ein zielloses und recht hilfloses Umherirren geworden. Dabei kann es leicht passieren, daß der Weg direkt an die Wand führt. Wenn man sie davor bewahrt, mit der Wand zu kollidieren, will sie trotzdem mit großer Beharrlichkeit genau in diese Richtung weiter...


Sonntag

Der Sauerstoffmangel beschleunigt den allgemeinen Alterungsprozeß rapide. Man kann an Lucia deutliche Anzeichen einer fortschreitenden Altersdemenz beobachten. Diese Prozesse sind mir nicht fremd. Jeder, der sich dem Zusammenleben mit Hundesenioren verschrieben hat, sammelt im Laufe der Zeit vermehrt Erfahrungen mit solchen Entwicklungen. Das Kurzzeit-Gedächtnis scheint von solcher Demenz stärker in Mitleidenschaft gezogen zu werden, als die langfristig angelegten Erinnerungen. Ich konnte besonders bei Nadia viele Facetten dieses Prozesses mitleben. Die Erfahrungen sind keinesfalls nur negativ, auch wenn sich die betroffene Hundeoma bei fortschreitender Demenz leider verändert - irgendwie eine Andere wird... Demenz hat für einen Seniorenhund durchaus auch positive Begleiterscheinungen. Hundeoma kann zum Beispiel innerhalb von fünf Minuten dreimal eine umherliegende Leckerei finden, und sich dreimal über die eigentlich immer gleiche Entdeckung freuen...


Montag

Die Nächte sind objektiv betrachtet etwas ruhiger geworden. Lucia schläft insgesamt viel mehr, als früher. Alle ein bis zwei Stunden treten Krisen bei der sonst relativ ruhig wirkenden Atemtätigkeit ein, hervorgerufen durch eine erhöhte Schleimbelastung der sich immer weiter verengenden Luftröhre. Dieser Schleim führt dann zu quälenden Hustenanfällen. Mit physiotherapeutischen Maßnahmen kann ich ihr helfen, sich von diesem Schleim zu befreien. Sanfte Massage beruhigt sie und geleitet sie wieder in einen tiefen Schlaf. Mittlerweile kann ich eigene Schlafphasen an ihren Hustenrythmus anpassen. Nun verläuft mein nächtlicher Schlaf in etwa synchron mit dem von Lucia. Dies versetzt mich ein Stück weit in ihre Situation. Man fühlt so noch mehr mit ihr mit. Hätte ich doch nur ein wenig von ihrer Freundlichkeit und ihrer Dankbarkeit! Wenn man miterlebt, wie sie versucht, auch während eines heftigen, den ganzen kleinen Körper erschütternden, Hustenanfalls trotzdem die Hand, die ihr hilft, zu belecken, kann man eigentlich nur noch losheulen...


Dienstag

Ich kann leider fast nur von negativen Einzelheiten der Entwicklung von Lucia berichten. Die Zeit der grausamen Erstickungsanfälle scheint jedenfalls vorbei zu sein. Die Gefahren sind nicht mehr so offensichtlich, der Abbau ihrer Kräfte verläuft versteckt. Es wird schwieriger, den Zeitpunkt zu erkennen, an dem für die liebende menschliche Hand die unabwendbare Pflicht besteht, die kleine Hundeoma auf den Weg ins Land an der Regenbogenbrücke zu geleiten, ihr hiesiges Dasein in Tierwürde durch ein anderes Dasein zu ersetzen... Ich bin auch jetzt noch der festen Überzeugung, daß Lucias Mission bei uns noch nicht beendet ist, daß sie mit ihren vier kleinen Pfötchen noch ziemlich fest in diesem Leben steht. Ich hoffe inständig, daß ich den Zeitpunkt, an dem es kein Zurück gibt, klar erkennen werde. Manchmal ist das Leben eine Qual, dies müssen wir an uns selbst erkennen. Aber diese wundervolle kleine Hundeoma darf nicht unnötig Qualen erleiden, nur weil Mensch nicht rechtzeitig loslassen kann...


Mittwoch

08.10.2008
Es gibt keine Neuigkeiten oder Veränderungen, die ich vermelden könnte. Lucia beeindruckt durch ihre Tapferkeit, Standhaftigkeit und offensive Freundlichkeit, auch bei den relativ hektischen Tagesabläufen, die wir jetzt wegen vieler unaufschiebbarer Termine hatten. Ich mag sie nicht mehr allein Zuhause lassen, wegen dieser latenten Erstickungsgefahr...


Donnerstag

Ich muß unbedingt die anderen Hundesenioren loben: Sie sind in diesen Zeiten der Krise die besten und rücksichtsvollsten Hundekumpels, die man sich für die kleine Lucia vorstellen kann. Sie sind so freundlich besorgt, und dabei so unaufgeregt und selbstverständlich im Umgang mit Lucia. Und sie scheinen genau zu merken und zu wissen, wie es Lucia aktuell geht. Wenn zum Beispiel Lisa ganz vorsichtig den Kopf von Lucia beschnüffelt, ihr dann einmal ganz sachte die Nase beleckt, und sich dann ganz ruhig abwendet, kann auch ich beruhigt sein - dies ist der beste Indikator dafür, daß momentan alles "in Ordnung" ist.

Es steht wieder ein Wochenende an. So irrational meine Besorgnis an jedem Wochenende sein mag - ich kann sie nicht unterdrücken. Harren und hoffen, was bleibt uns sonst übrig?


Freitag

12.11.2008
Das Befinden von Lucia stabilisiert sich, wenn auch auf einem unteren Level. Die oftmals quälende Luftnot ist einer überwiegend fast normalen Atemtätigkeit gewichen. Hustenanfälle werden immer seltener, und verlaufen längst nicht mehr so heftig wie vor ein - zwei Wochen.


Sonntag

Der auf diversen Röntgen-Bildern erkennbare Prozess der Verengung von Lucias Luftröhre scheint zu stagnieren. Erneute Röntgenaufnahmen halte ich nicht für sinnvoll: Das Problem ist ja erkannt, warum die kleine Oma schon wieder mit Röntgenstrahlen traktieren? Wir müssen es sowieso nehmen, wie es kommt. Mir ist bewusst, daß die nächste starke Hustenkrise wohl die letzte sein wird. Aber diese nächste Krise scheint weit entfernt (hoffen wir jedenfalls). Selbst nach dem Trinken folgen nur noch einige wenige harmlose Huster. Die Medikamente habe ich in den letzten Tagen vorsichtig reduziert, um in Krisenzeiten "Reserven" zu haben. Es ist ein wirklich sehr positiver Bericht, den ich heute abliefern kann. Die Prognose des Tierarztes hat die kleine Oma schon mal glänzend widerlegt, obwohl ihr Leid diverse Spuren bei ihr hinterließ. Sie scheint noch keinen Bock darauf zu haben, uns zu verlassen...


Montag

Ein kleines Detail möchte ich beschreiben, um die zumindest momentane positive Tendenz des Befindens von Lucia zu unterstreichen.

Im Verlauf dieser ganzen Krise erblindete Lucia komplett. Ein Auge war sowieso total defekt, das andere Auge hat nun seine geringe Rest-Sehfähigkeit ebenfalls verloren. Lucia war nicht in der Lage, andere Sinne und ihr Erinnerungsvermögen einzusetzen, um sich in ihr gut bekannter Umgebung wenigstens ein wenig zurechtzufinden. Es war nur ein hilfloses Umherirren, mit jeder Wand, jedem Möbelstück, jeder Türkante gab es Kollisionen. Ich hatte eigentlich keinerlei Hoffnung auf Veränderung oder Verbesserung, tat mich schwer mit der Abwägung, ob eine solche hilflose und wahrscheinlich angsteinflößende Isolation mit meinen Vorstellungen von "Tierwürde" auf Dauer zu vereinbaren seien.

Heute schlief Lucia mitten in unserem Flur. Sie erwachte, stand auf, ging ganz langsam, den Fußboden beschnüffelnd, durch eine offene Tür in mein Zimmer. Ganz langsam, und weiter schnüffelnd, zum linken der beiden Bürostühle, die an den Schreibtischen am Fenster stehen. Die Richtung hielt sie fast perfekt ein. Als sie einen Fuß des Stuhls erreichte, stoppte sie ab, und wendete sich nach rechts in Richtung des anderen Stuhls. Sie lief dann wieder ganz langsam los, bis sie ein Stuhlbein des zweiten Stuhls spürte. Von dort aus wendete sie sich wiederum nach rechts, denn etwa einen halben Meter von meinem Stuhl entfernt liegt eines von ihren Schlafkissen. Neben (von meinem Stuhl aus gesehen hinter) dem Schlafkissen habe ich vor einiger Zeit einen weiteren Trinknapf gestellt. Lucia erreichte also ihr Schlafkissen, und lief langsam weiter zu diesem Trinknapf, den sie auch fast exakt erreichte, und löschte ihren Durst.

Ich habe diese Beobachtung so ausführlich beschrieben, weil hier ein von Anfang bis Ende planvoller und geplanter Weg mit Spuren, Orientierungspunkten, der Anwendung des Erinnerungsvermögens und einer vorausgehenden Kombinatorik sichtbar wurde. Lucia beginnt, sich in ihrer Welt wieder zurecht zu finden. Dies langsam und mit sehr kleinen Schritten, jedoch mit freundlichem Optimismus. Ich bin unendlich stolz auf die kleine Oma.


Dienstag

18.11.2008
Als ich dieses kleine Tagebuch startete, stand ich unter dem Einduck, eine schreckliche Chronik niederzuschreiben. Zu eindeutig war die ärztliche Prognose, zu wenig Raum für Optimismus ließen die Röntgenaufnahmen und die Entwicklung, die dort dargestellt wurde. Inzwischen hat diese Chronik viel von ihrem vermeintlichen Schrecken verloren. Jetzt, drei Wochen später, ist Lucia immer noch unter uns. Die "durchwachten Nächte" sind eher normalen Nächten gewichen. Lucia hustet immer noch, ab und zu, aber das tat sie eigentlich schon immer, seitdem sie bei uns ist...


Donnerstag

Einiges hat sich freilich verändert. Lucias Welt ist kleiner geworden. Die Erblindung und die parallel dazu fortschreitende Desorientierung haben den Tagesablauf und die Aktivitäten der kleinen Oma eingeschränkt, Lucia ist in den vergangenen drei Wochen erheblich gealtert. Ihr lustiges Wesen ist nicht gewichen, es wird jedoch schwieriger, diese Lustigkeit zu erkennen. Ihre früher gewohnte Unternehmungslust ist einem oftmals ratlosen, fast lähmenden Verharren gewichen. Man kann ihr anmerken, daß sie mit dieser für sie immer noch ungewohnten blinden Orientierungslosigkeit schlecht zurechtkommt. Man kann erkennen, daß ihr von früher her sehr gut bekannte Örtlichkeiten oder Räumlichkeiten zwar noch "im Kopf" sind, jedoch eigentümliche Verzerrungen dieser "Bilder" sie immer wieder auf falsche Pfade oder in falsche Richtungen führen. Geruchs-Eindrücke sind dabei meistens nicht hilfreich für sie. Sie kann zwar isolierte Gerüche noch erkennen, wahrscheinlich auch zuordnen, sie kann diese Geruchsspuren aber leider nicht mit anderen Eindrücken oder Erinnerungen kombinieren. Ähnlich scheint es sich mit ihrem Gehör zu verhalten: Sie erkennt zwar einzelne Geräusche, auch Zurufe, es ist ihr aber nicht möglich, Richtungen zu erkennen oder zu verarbeiten, sie kann auch nicht mehr das Gehörte in eine sinnvolle Kombination mit anderen Sinneswahrnehmungen oder Erinnerungen bringen.


Freitag

Es bleibt für sie oftmals nur eine ganz archaische Form der "Navigation": Vorichtig und langsam vorwärts gehen, bis die kleine Nase an ein Hinternis stößt, sich dann in eine andere Richtung wenden, in der Hoffnung, daß dies die richtige Richtung ist, die zu einem manchmal diffusen Ziel führt... Dies liest sich schrecklicher und einsamer, als es in der Realität ist. Mit viel Geduld und einigem Einfallsreichtum kann man lenkend helfen, unterstützen, sie auch in komplizierten Parcours ganz sacht an ein Ziel führen - ein Ziel, das sie auch als solches begreift - und so eine ganz herzliche und mitreissende Freude erzeugen. Lucias Welt ist eben kleiner geworden. Diese Welt muß man eben ein wenig mit ihr mitleben. Wenn dies möglichst oft gelingt, dann ist Lucia auch in dieser kleineren Welt ganz die gewohnt glückliche und fröhliche kleine Hundeoma.


Samstag

Im Rahmen des nächsten Medikamenten-Einkaufs werde ich Lucia wohl wieder beim Tierarzt vorführen. Die akute Krise hat Lucia überwunden, die Luftröhre leitet immer noch etwas Luft zu ihren Bronchien, sehr viele neue Erkenntnisse wird dieser Arztbesuch wohl nicht bringen. Auf dem Schmalen Grat hat Lucia bis heute Kurs in diesem Leben behalten. Wir werden wohl auf diesem Schmalen Grat weiter wandeln, mit der leisen Angst, daß die nächste Krise wahrscheinlich die letzte Krise sein wird. Es wird mir wohl leichter fallen, loszulassen, wenn die Zeit gekommen sein wird. Leichter, als es vor drei Wochen gewesen wäre. Die Erfahrungen der letzten Zeit haben bei uns allen ihre Spuren hinterlassen. Was Lucia betrifft: Manchmal glaube ich, daß sie irgendwie mit einem oder zweien ihrer kleinen Pfötchen bereits an der Grenze des Landes an der Regenbogenbrücke umhertapert, und sich deshalb in "unserer" Welt so wenig zurechtfindet. Und vielleicht ist die augenscheinliche Orientierungsschwäche von Lucia nur die Rückseite von tollen, jenseitigen Bildern, die sie bereits sehen kann, die "uns" jedoch verschlossen bleiben...


Sonntag

Hiermit möchte ich die Lagebeschreibungen der letzten drei Wochen beschließen. Die Hundesenioren ziehen weiter auf dem Weg durch ihr Revier, neuen Erlebnissen und Bekanntschaften entgegen. Dies etwas umständlicher und langsamer als früher - aber wir werden eben alle immer älter... Die Überschrift hat immer noch Gültigkeit: "Die Zeit läuft ab...". Aber während ich vor drei Wochen dachte, daß im oberen Teil der Sanduhr des Lebens von Lucia nur noch ein paar wenige Krümel des nach unten rinnenden Sandes seien, glaube ich nun, daß "da oben" noch eine ganze Menge von dem ist, was nach unten "abläuft"...


Montag

14.02.2009
Irgendwann während der letzten Nacht änderte sich der Schlaf der kleinen Lucia, nur wenig merklich, jedoch von einem Augenblick zum nächsten... Ich hörte die Veränderung ihres Atems, sah ihre Körpersprache, und wusste: Die Zeit ist abgelaufen.

Sie hat auch jetzt ihre Fröhlichkeit nicht abgelegt, da jeder Luftzug immer mehr zu einem Kampf wird. Aber sie zeigt deutlich, daß es an der Zeit ist, sich zu verabschieden. Lucia beendet diese Geschichte, wie sie nur das Leben schreiben konnte, mit folgendem Bild vom Samstag nachmittag, das wohl eines ihrer letzten Bilder bleibt, und mit einem lieben Gruß an alle, die hier mitgelesen haben:


Ihre Fröhlichkeit wird sie dorthin mitnehmen, wo ihre neue Zeit anbrechen wird...

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 Adieu Lucia

Eines der immer wiederkehrenden kleinen Spielchen zwischen den Hundesenioren - ein richtiger Running Gag - war das Verschleppen von Lucias Lieblings-Spielzeugknochen durch den frechen Macho Robbie. Dies meistens dann, wenn wir uns für einen Ausflug zurecht machten: Hocherhobenen Hauptes trabte er mit seiner Beute im Fang an uns vorbei, um sein Beutestück dann irgendwo auf unserer Terrasse oder im Auto abzulegen. Lucia holte sich sofort, oder nur wenig später, ihr Eigentum zurück, um es mit freundlicher Beharrlichkeit zu ihrem Schlafplatz zurück zu bringen. Gemeinsam freuten sie sich köstlich über diese schon fast ritualisierten Verzögerungen, mit denen man den Dosenöffner wegen Zeitmangels fast auf die Palme bringen konnte...

Nun ist dieses Spiel vorbei. Natürlich hat Lucias freundliche Beharrlichkeit letztlich obsiegt. Meine kleine schwarzgraue Wuschelmaus ist auf dem Weg ins Land an der Regenbogenbrücke, ihre irdische wuschelige Hülle fand ihren Platz neben Lucky, ihr Lieblingsknochen liegt jetzt endgültig bei ihr.

Lucia verstarb noch in der Nacht zum heutigen Sonntag. Ihr Licht erlosch im Schlaf, es war ein ruhiger und würdevoller Tod. Bei aller Verzweiflung über diesen Verlust bin ich jedoch von Dankbarkeit erfüllt. Das letzte Vierteljahr war ein Geschenk; ich hätte nie für möglich gehalten, daß Lucia uns soviel Zeit gewährt, um fröhlich und intensiv miteinander zu leben und Abschied zu nehmen. So möchte ich nicht in sentimentaler Trauer verharren, sondern ich freue mich für Lucia, die nun endlich nicht mehr mit jedem Zug um Atem ringen muß, sondern unbeschwert ihrer unendlichen Fröhlichkeit nachgehen kann.

Das allerletzte Bild, das ich von Lucia anfertigen konnte, soll auch ein Andenken an sie sein:

Lucia hat die Gemeinschaft der Hundesenioren verlassen.

Ein letzter Gruß von Peter.

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